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Wenn das Einkaufen zum Abenteuer wird – Die Supermarktsafari mit Essstörung

Der Lebensmitteleinkauf gehört für die meisten Menschen zu den Erledigungen, die nunmal unumgänglich zum Alltag gehören. Der Eine schreibt vorher eine Liste, der Andere geht in den Laden und packt ein, worauf er oder sie eben gerade Lust hat. Tja, so leicht ist das mit einer Essstörung leider nicht.

Bevor ich weiter schreibe, möchte ich nochmal sagen, dass es sich hierbei um meine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse geht. Das MUSS NICHT allgemein für JEDEN Menschen mit einer Essstörung gelten, allerdings kommt es tatsächlich leider viel häufiger vor, als man es glauben mag.

Zu meinen schlimmsten Zeiten war der Einkauf eine wahre Hassliebe. Als ich noch bei meinen Eltern gewohnt habe (was damals auf einem Dorf ohne Lebensmittelgeschäft war), wurde ich tatsächlich sauer, wenn die Besorgungen ohne mich erledigt wurden.
Ich hätte mich Stunden in Supermärkten aufhalten können, was bei meinem Vater regelmäßig für Wutanfälle sorgte. Aus heutiger Sicht kann ich das natürlich absolut nachvollziehen, doch damals habe ich es keineswegs so empfunden.

Ich kann mich nur zu gut daran erinnern, wie ich vor den großen Joghurt-Regalen stand und jede Packung umgedreht habe, um die Inhaltsstoffe und Nährwerte zu studieren – was nicht heißen soll, dass das Lesen von Inhaltsangaben gleich auf eine Essstörung hindeutet. Natürlich soll man (gerade bei der heutigen Lebensmittelindustrie!) wissen, was wirklich in den Produkten steckt!

Allerdings war es damals wie eine Besessenheit. Ich kannte die Kalorienangaben zahlreicher Waren bald auswendig. Ebenso die verschiedenen Sorten und von limitierten Editionen wusste ich meist schon, bevor es sie überhaupt im Handel gab.

Ehrlich gesagt, hätte ich niemals gedacht, dass ich eines Tages mal darüber sprechen würde, geschweige denn es im Internet zu veröffentlichen. Aber es ist die traurige Wahrheit, so sehr kann eine Essstörung den Kopf einnehmen.

Letztendlich kannte ich all die Sorten und wusste nur zu gut, welche mir schmecken würden und welche nicht. Aber glaubt ihr, irgendetwas davon ist in unserem Korb gelandet?

Nein. So gut wie nie. Und falls doch, hat es vorher eine halbe Ewigkeit gedauert, bis ich mich entschieden hatte, ob ich es wirklich wagen sollte oder nicht.

Wenn man bedenkt, dass ich hier von Joghurt schreibe, nicht mal von irgendwelchen Schokoriegeln oder sonstigen Süßwaren, läuft es mir noch immer kalt den Rücken runter. Wenn man es Schwarz auf Weiß ausdrückt, muss ich gestehen, dass in der schlimmsten Phase sogar Obst oder gewisse Gemüsesorten solche inneren Kämpfe ausgelöst haben.

Doch das ist noch nicht alles. Meine gesamte Wahrnehmung war verzerrt. Darüber hinaus hatte ich beispielsweise permanent das Gefühl, alle anderen Menschen würden mich ununterbrochen beobachten. Als würde jeder darauf achten, was ich einkaufe oder eben doch wieder ins Regal lege. Da der Artikel jedoch bereits jetzt ziemlich lang ist, werde ich dazu einen separaten Post verfassen, wenn ihr das möchtet. Lasst es mich gern wissen.

Bevor ich diesen Beitrag beende, möchte ich euch nur nochmal darum bitten niemanden zu verurteilen. Ich habe dieses Verhalten damals selbst nicht mal wahrgenommen, ich war wie in einer anderen Welt. Heute erkenne ich es glasklar, aber zu dem Zeitpunkt hatte mich die Krankheit im Griff. Glaubt mir, wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte ich alles dafür getan, niemals in diese scheußliche Spirale zu geraten.

Eure Sophie

2 Comments

  1. Jacqueline

    9. Juni 2018 at 21:47

    Hey:) ich brauche hanz dringend deine Hilfe. Ich stehe ganz am Anfang meines Recovery Weges. Wie hast du es geschafft mit dem schlechten Gewissen umzugehen? Ich möchte wirklich zunehmen. Aber gleichzeitig fühle ich mich nach jeder noch so kleinen Gewichtszunahme schrecklich. Wie bist du damit umgegangen wenn du bauchschmerzen vom essen hattest und dich dadurch so dick fühlst?
    Ich bewundere dich. Du bist mein größtes Vorbild und ich danke dir für deine Posts!

    1. Sophie Maria Rudolph

      10. Juni 2018 at 16:29

      Hallo liebe Jacqueline!
      Ich danke dir so sehr für deine lieben Worte! Und ich bin wahnsinnig stolz auf dich, dass du dich für den Recovery-Weg und ein gesundes Leben entschieden hast!
      Das schlechte Gewissen und die Bauchschmerzen kenne ich nur zu gut und ich wünschte, ich könnte dir jetzt einen ultimativen Geheimtipp verraten, mit dem alles viel leichter wird. Aber die Wahrheit ist, dass es den leider nicht gibt. Du musst die Zähne zusammen beißen und da durch – aber ich verspreche dir, dass es besser werden wird! Es braucht wahnsinnig viel Nervenstärke und auch Geduld. Am Anfang fühlt es sich an, als würde alles nur noch schlimmer werden, aber das ist eine Täuschung – es kommt der Tag, ab dem es bergauf geht. Du gewinnst endlich wieder ein wahres Leben zurück! Ich weiß genau, du kannst es schaffen und ich glaube an dich!

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